_Die Schöne und das Biest - Die Historie

Diese Fabel von der Schönen und dem Tier ist eines der ältesten Märchen der Welt. Schon aus der griechischen Mythologie kennen wir Tierhochzeiten und auf Verwandlung fußende Erlösungssagen. Aus der römischen Dichtung sind die „Metamorphosen“ des Apuleius überliefert. In einer spätantiken Variante sind die Geschlechterrollen vertauscht, so dass die Frau das „Tier“ ist. In gleicher Weise berichtet eine alte schottische Ballade.

Ende des 17. Jahrhunderts entwickelte sich das Volksmärchen, vom orientalischen Charme der Geschichten aus 1001 Nacht inspiriert, zu den „Contes des fées“. Diese Feenmärchen transponierten den überlieferten Stoff sehr frei in die Neuzeit, versahen ihn mit psychologischen Verschlüsselungen und „bereicherten“ ihn durch moralische Reflexionen. Madame de Villeneuves Version von 1740 gibt dem „wackeren Kaufmann“ elf Kinder, Belle ist die schöne Jüngste. Das Schloß des Ungeheuers wird anschaulich geschildert: Im Palast und im Garten stehen zahlreiche menschliche Statuen - der verzauberte Hofstaat des Prinzen. Belle ist nicht ganz ohne Gesellschaft, sondern hat zu ihrer Unterhaltung sprechende, musizierende, sie bedienende und durch Schabernack ergötzende Vögel und kleine Affen. Allerdings entsprach das Unmögliche (verzaubertes Schloss) und Widernatürliche (Vereinigung mit einem Tier) nicht dem Geist der Aufklärung. So besann sich Madame de Villeneuve auf das, was sie dem Zeitgeschmack und der feinen Gesellschaft schuldig war: Mit der Gestalt des „schönen Unbekannten“, der dem Mädchen nachts im Traum erscheint und ihm befiehlt, das Biest zu töten (und der zum Schluß natürlich der echte Prinz ist), verfälschte die Dichterin jedoch die ursprünglich klare Handlung des Volksmärchens durch die Schaffung psychologischer Probleme und den Einschub zusätzlicher Nebenhandlungen.

Wie viele andere Geschichten hätte auch „La Belle et la Bête“ einer Madame de Villeneuve ihre Zeit nicht überdauert, wenn nicht Marie Leprince de Beaumont, die eine Zeitschrift für Kinder herausgab, 1757 das Kunstmärchen – wohl wegen seines moralischen Tenors – als Grundlage für eine ihrer lehrhaften „Dialogues entre une sage Gouvernante et plusieurs deses Elèves“ gewählt hätte. Sie modifizierte die psychologisch überfrachteten Passagen und kürzte die zweihundert Seiten lange Fassung auf ein Zehntel ihres Umfangs. So gelang es ihr, das dem Kunstmärchen zugrundeliegende Volksmärchen wieder deutlich hervortreten zu lassen und diesem so zur Unsterblichkeit zu verhelfen.

Auch die Künstler des 20. Jahrhunderts ließen sich gern vom Reiz des Themas in die Märchenwelt entführen, allen voran Jean Cocteau, der „Celluloid-Zauberer von Paris“. Er nennt als literarische Vorlage seines Films die Kurzfassung, verfährt mit diesem Stoff jedoch nicht weniger frei als Madame Leprince de Beaumont mit dem ihrer Vorgängerin: Während dort Belle die Entwicklung der Dinge fast willenlos über sich ergehen lässt und das Tier seine Erlösung ausschließlich Belles Dankbarkeit und demütiger Loyalität zu verdanken hat, wirkt die Schöne bei Cocteau keineswegs passiv. Sie fällt freiwillig den Entschluß, an des Vaters Stelle zu sühnen (eine Variante, die vor Cocteau niemandem einfiel), sie trifft die – moralisch begründete – Entscheidung gegen den Bewerber aus dem Dorf und für das Tier. Diese Entscheidung wird glaubhaft, da bei Cocteau das Biest nicht das einfältige, manierenlose Tier des Rokokomärchens ist, sondern eine aufrecht gehende, vornehm gekleidete Raubkatze, ein Tier auf dem Weg zum Menschsein. Nachdem die Zeichner Walt Disneys sich in den Dreißiger Jahren – erfolglos – an dem Stoff versucht hatten, präsentierte dessen Neffe Roy E. Disney 1991 mit „The Beauty and the Beast“ einen weltweit überaus erfolgreichen Film.
DIE SCHÖNE UND DAS BIEST – DAS MUSICAL führt Cocteaus Ideen fort. Sein Biest ist durch die Worte der Fee schon frühzeitig als verzauberter Mensch erkennbar. Bella, ein Mädchen mit Herz und Verstand und neugierig auf das Leben, nimmt tatkräftig ihr Schicksal selbst in die Hand. Sie versucht sogar, durch einfühlsame („Du bist nicht böse, du bist einsam!“) oder kritische Worte („Warum tust du das?“) Einfluss auf das Biest zu nehmen. Hier greift das Musical auf Cocteau zurück, bei dem die Schöne sich auch um die Erziehung des Tieres zum sittlichen Menschen bemüht. Keine Frage: Wer auch immer von der Schönen und dem Tier erzählt – das Märchen, das die jahrtausendealte Sehnsucht der Menschen nach Verwandlung und Erlösung verkörpert, wird weitergetragen, das unsterbliche Lied von der Überwindung des Bösen durch die Allmacht der Liebe ertönt immer wieder aufs Neue.